Kapitel 1: Die 3:11-Anomalie
Kapitel 1: Die 3:11-Anomalie
Die Stille in meinem Haus war immer beruhigend. Jetzt fühlt es sich an wie eine schwere, erstickende Decke, die jedes Mal, wenn ich versuche zu atmen, auf meine Brust drückt.
Ich saß auf der Kante von Leos ungemachtem Bett und meine Finger fuhren blind über die abgenutzten Samtohren seines Lieblingsstoffbären. Der Raum roch leicht nach Lavendelwaschmittel und dem deutlich süßen Duft des Schweißes eines kleinen Jungen.
Es war genau vier Tage her, seit mein sechsjähriger Sohn sich in Luft auflöste. Vier Tage lang blinkende blaue Lichter, invasive Befragungen und ein lähmender Terror, der sich jeder Logik widersetzte.
Wo bist du, Baby? Dachte ich und starrte ausdruckslos auf das halboffene Fenster. Die Polizei hatte das Fensterbrett abgestaubt, den Riegel untersucht und das Gras darunter abgescheuert. Nichts.
Draußen im Schlamm waren keine Fußspuren zu sehen. Es gab keine Leitern, keine aufgewühlten Büsche und keinerlei Anzeichen eines gewaltsamen Eindringens.
Schlimmer noch: Die Ermittler hatten keinen Augenkontakt mehr mit mir. Ich konnte den kaum verhüllten Verdacht in ihren müden Blicken erkennen, als sie mich zum zwölften Mal aufforderten, meine Zeitleiste zu wiederholen.
Meine Überwachungskameras im Hinterhof hatten in dieser Nacht aus unerklärlichen Gründen genau eine Stunde lang schwarzes Rauschen erzeugt. Dadurch war ich nicht mehr nur eine trauernde Mutter. Für sie war ich der Hauptverdächtige.
Die leuchtend roten Zahlen auf Leos Nachttischuhr stellten sich auf 3:05 Uhr um.
Mein Magen verkrampfte sich. Ich umklammerte den Stoffbären fester und wartete darauf, dass das nächtliche Ritual begann.
Wir hatten Buster erst zwei Wochen vor dem Weltuntergang adoptiert. Er war ein ungepflegter, stark vernarbter Mischlingshund aus dem Kreisheim. Das Personal hatte mich gewarnt, dass er unter starker Nachtangst litt.
„Sein Vorbesitzer war nicht freundlich“, hatte der Freiwillige geflüstert und mir seine Leine gegeben. „Wenn er mitten in der Nacht weint, sagen Sie ihm einfach, dass er in Sicherheit ist.“
In der ersten Woche habe ich ihnen geglaubt. Wenn Buster mitten in der Nacht weinend aufwachte, vergrub ich mein Gesicht in seinem dicken, rauen Fell und wiegte ihn wieder in den Schlaf.
Aber ich habe mich geirrt. Buster träumte nicht von seiner Vergangenheit. Er reagierte auf unser Geschenk.
Das leise Klicken von Hundenägeln ertönte auf dem Hartholzboden im Flur. Buster kroch in das schattige Schlafzimmer, den Kopf gefährlich tief hängend hängend.
Sein ganzer Körper vibrierte von einem stillen, intensiven Zittern. Seine langen Schlappohren waren flach an seinen Schädel angelegt und sein Schwanz war fest zwischen seinen Hinterbeinen eingeklemmt.
Er sah mich nicht an. Er suchte keinen Trost. Er begann, auf und ab zu gehen.
Tick. Tick. Tick.
Die Digitaluhr leuchtete unerbittlich im Dunkeln. 3:08 Uhr.
Buster ging in einem engen Kreis am Fußende des Bettes auf und ab, seine dunklen Augen weit aufgerissen und ohne zu blinzeln. Die Luft im Raum schien um zehn Grad zu sinken, was mir die Nackenhaare aufstellte.
3:10 Uhr.
Buster blieb abrupt stehen. Sein muskulöser Körper versteifte sich völlig und erstarrte wie eine Statue in der Mitte des Teppichs. Langsam wandte sich seine Schnauze der Rückwand von Leos begehbarem Kleiderschrank zu.
3:11 Uhr.
Genau in dem Moment, in dem mein Sohn vermisst wurde.
Buster stieß ein leises, kehliges Jammern aus, das erschreckend menschlich klang. Es war kein Hund, der um Leckerlis bettelte; es war ein verzweifeltes, panisches Flehen.
Er rannte in den Schrank und schlug mit den Vorderpfoten gegen die Trockenmauer. Er drückte seine nasse Nase fest gegen die Farbe und schnupperte verzweifelt, bevor er an der unteren Fußleiste kratzte.
„Buster, hör auf“, krächzte ich, meine Stimme brach, weil ich tagelang geweint hatte.
Er ignorierte mich und seine Krallen gruben sich in verzweifelter Verzweiflung in die Holzverkleidung. Er versuchte, sich in die Wand zu graben.
Ich ließ den Stoffbären fallen und rannte hinüber, wobei ich meine schwere Metalltaschenlampe einschaltete. Der grelle, weiße Strahl durchschnitt die Dunkelheit und beleuchtete den winzigen Schrank.
„Hey, zurück!“ befahl ich, packte seinen dicken Kragen und zog ihn mit meinem ganzen Gewicht nach hinten.
Er kämpfte gegen mich, jammerte und reckte seinen Hals zur Wand. Als ich ihn schließlich ein paar Meter wegzerrte, warf ich ein Licht auf den Schaden, den er angerichtet hatte.
Die Holzleiste war von der Trockenbauwand abgesplittert. Aber es war nicht der Schaden, der mir den Atem stocken ließ.
Hinter der zerbrochenen Zierleiste, die nur wenige Zentimeter über dem Boden direkt in die rohe Trockenbauwand geätzt war, befand sich ein winziger, schwacher Bleistiftstrich.
Ich fiel auf die Knie und meine Hände zitterten heftig, als ich die Taschenlampe näher brachte. Es war kein Kratzer vom Hund.
Es war eine gezackte, ungleichmäßige Zahlenfolge.
7-4-1-1
Die unordentliche, sich wiederholende „7“ und die rückwärts gerichtete „4“ waren unverkennbar. Es war Leos genaue Handschrift.
Meine Gedanken gerieten in einen schwindelerregenden freien Fall. Warum versteckte sich mein kleiner Junge im Dunkeln in seinem Schrank und schrieb Codes an die Wand, kurz bevor er verschwand?
Bevor ich die unmöglichen Zahlen überhaupt verarbeiten konnte, blieb mir plötzlich das Herz stehen.
Busters Ohren richteten sich gerade nach oben, sein Körper spannte sich wie eine Spiralfeder.
Bumm… Bumm… Bumm…
Es war ein hohles, rhythmisches Klopfgeräusch, das tief im Inneren der Trockenmauer direkt hinter den Zahlen widerhallte.
Kapitel 2: Die Leere hinter dem Putz
Bumm… Bumm… Bumm…
Das Geräusch war schwach und durch Isolier- und Holzschichten gedämpft, aber es war unverkennbar absichtlich. Es handelte sich nicht um die Besiedlung eines alten Hauses. Es war ein rhythmischer, absichtlicher Schlag.
Buster stieß ein weiteres leises Knurren aus, während das Fell an seinem Rücken zu einem gezackten Grat aufgerichtet war. Er wich nicht von der Wand zurück; Stattdessen pflanzte er seine Pfoten fest auf und fungierte als Barrikade zwischen mir und allem, was sich darin befand.
Ist da jemand drin? Dachte ich und meine Gedanken rasten durch hundert schreckliche Szenarien. Ist es Löwe?
“Löwe?” Ich flüsterte, meine Stimme zitterte so sehr, dass sie kaum einen Ton von sich gab.
Ich drückte mein Ohr direkt an die kalte, gestrichene Trockenbauwand, direkt über den gezackten Bleistiftzahlen, die mein Sohn geschrieben hatte. Ich hielt den Atem an, bis meine Lungen brannten, und bemühte mich, über das wilde Pochen meines eigenen Herzens hinweg zu hören.
Für einen langen, qualvollen Moment herrschte nur Stille. Dann habe ich es gehört.
Diesmal war es kein Klopfen. Es war ein langsames, quälend absichtliches kratzendes Geräusch, als würden Fingernägel über raues Holz schleifen.
„Leo, Mama ist gleich hier!“ schrie ich und gab jede Vorsicht auf. Ich schlug meine offenen Handflächen gegen die Wand. „Ich bin genau hier, Baby! Mach ein Geräusch!“
Das Kratzen hörte sofort auf. Die darauf folgende Stille fühlte sich schwerer, fast erwartungsvoll an.
Ich konnte es kaum erwarten, bis die Polizei kam. Die Ermittler dachten bereits, ich sei eine trauernde Mutter, die den Bezug zur Realität verloren hat. Wenn ich sie anrufen würde, um das Klopfen an den Wänden zu melden, würden sie mich wahrscheinlich in die Psychiatrie stecken.
Ich musste sofort in diese Mauer eindringen.
Ich krabbelte rückwärts und klopfte mit den Händen verzweifelt auf den Boden des Schranks, bis sich meine Finger um den kalten, schweren Griff meiner Metalltaschenlampe legten. Es handelte sich um massiven Stahl in Industriequalität.
Buster bellte scharf und spürte die Veränderung meiner Energie. Ich schob ihn mit meiner Hüfte beiseite.
„Beweg dich, Buster!“ befahl ich und hob die schwere Taschenlampe über meine Schulter.
Ich schwang es mit aller Kraft, die ich noch in meinem erschöpften Körper hatte. Der stählerne Schaft der Taschenlampe krachte mit ohrenbetäubendem Knirschen in die Trockenmauer.
Weißer Gipsstaub explodierte in den engen Schrank und erstickte die Luft. Ich hustete, wischte mir das körnige Pulver aus den Augen und schlug erneut zu. Und noch einmal.
Riss. Zerschlagen. Träne.
Ich riss mit bloßen Händen zerklüftete Trockenbaustücke ab und ignorierte den stechenden Schmerz, als Splitter und Nägel in meine Nagelhaut schnitten.
Mir war das Blut egal. Das Haus war mir egal. Ich musste nur meinen Sohn erreichen.
Nachdem ich eine Minute lang hektisch am strukturellen Gerüst des Schranks herumgerissen hatte, hatte ich ein Loch von etwa der Größe einer Mikrowelle geschaffen.
Schwer keuchend schaltete ich die Taschenlampe wieder ein und richtete den harten Strahl direkt in die neu freigelegte Leere.
Anstelle der standardmäßigen rosafarbenen Glasfaserisolierung und Holzpfosten, die ich erwartet hatte, stockte mir der Atem.
Direkt hinter dem Schrank meines Sohnes war ein riesiger, dunkler Schacht versteckt.
Es handelte sich um einen alten, nicht kartierten Wäscheschacht oder Speiseaufzugsschacht aus der Zeit, als das Haus ursprünglich in den 1920er Jahren gebaut wurde. Es fiel direkt in den pechschwarzen Bauch des Hauses.
Aber es war nicht leer.
An einem dicken, ausgefransten Stück Nylonseil hing direkt auf Augenhöhe ein Kinder-Walkie-Talkie.
Es war gelb und mit verblassten Superheldenaufklebern bedeckt. Es war genau das Walkie-Talkie, mit dem Leo im Hinterhof gespielt hatte.
Meine zitternden Finger griffen durch das gezackte Loch und griffen nach dem Plastikradio. Es fühlte sich kalt an.
Ich drückte die Sendetaste, das Rauschen war laut im stillen Schrank zu hören.
„Leo? Bist du da unten?“ Ich schluchzte in den Lautsprecher.
Als Antwort knisterte das Radio heftig.
Für ein paar Sekunden war nur das Summen toter Luft zu hören. Dann ertönte eine Stimme aus dem winzigen, blechernen Lautsprecher.
Aber es war nicht die süße, unschuldige Stimme meines Sohnes.
Es war das tiefe, raue Flüstern eines erwachsenen Mannes, und er klang schrecklich außer Atem.
„Er kann dich nicht mehr hören, Mama. Aber ich kann.“
Kapitel 3: Die Stimme im Dunkeln
Die heisere, atemlose Stimme, die aus dem Plastiklautsprecher hallte, lähmte mich. Meine Finger wurden taub und das Walkie-Talkie rutschte mir aus der Hand.
Es baumelte an seinem Nylonseil und schwankte sanft in der dunklen Leere des verborgenen Schachts. Das gelbe Plastik schwang hin und her wie ein gruseliges Pendel.
Wer ist in meinem Haus? Dachte ich, eine Welle ursprünglicher Übelkeit überkam mich. Wer hat meinen Sohn?
Bevor ich den Schrecken verarbeiten konnte, stürzte Buster nach vorne. Er steckte seinen gewaltigen Kopf in das gezackte Loch in der Trockenmauer und schnappte heftig mit dem Kiefer in die Dunkelheit darunter.
Sein Bellen war ohrenbetäubend in dem winzigen Schrank und vibrierte gegen meinen Brustkorb. Er warnte nicht nur den Eindringling; er war bereit zu töten.
Ich packte ihn erneut am dicken Kragen und kämpfte darum, ihn aus dem Abgrund zurückzuziehen.
„Ruhe, Buster! Ruhig!“ Ich zischte und meine Stimme zitterte unkontrolliert.
Ich musste hören, ob sich der Mann bewegte. Ich musste wissen, ob er den Schacht auf uns zukletterte.
Ich schnappte mir das Walkie-Talkie zurück und drückte mit zitterndem Daumen die Sendetaste.
„Wo ist er?“ Ich schrie in das winzige Mikrofon, und endlich liefen mir heiße Tränen über die Wangen. „Wenn du meinem kleinen Jungen weh tust, schwöre ich bei Gott, dass ich dich töten werde!“
Das Rauschen zischte und verspottete meine leeren Drohungen. Ich wartete und hielt den Atem an, bis meine Lungen brannten.
Nichts. Nur die schwere, tote Stille des alten Hauses.
Ich richtete meine schwere Metalltaschenlampe auf den Schacht und versuchte, die erstickende Dunkelheit zu durchdringen. Der Balken traf die Kanten von alten Ziegeln und verrottendem Holz und stürzte direkt in das Fundament des Hauses.
Es führte in den Keller. Ein unvollendeter Keller mit Lehmboden, den der Vermieter mit einem Vorhängeschloss verschlossen hatte, bevor wir überhaupt den Mietvertrag unterzeichnet hatten.
Ich war noch nie dort unten gewesen. Ich hatte den Schlüssel noch nie gesehen.
Plötzlich erwachte das Walkie-Talkie wieder zum Leben.
„Sieben, vier, eins, eins“, flüsterte die raue Stimme und wiederholte die Zahlen, die Leo in die Wand geritzt hatte. „Er hat so sehr versucht, sich den Code zu merken, Mama. Aber er war einfach zu langsam.“
Mir gefror das Blut, als mich die Erkenntnis wie ein körperlicher Schlag traf. Der Code.
Als wir einzogen, erwähnte der Vermieter, dass der Keller unten an der Kellertreppe eine schwere Stahltür hatte, die durch eine elektronische Tastatur gesichert war. Er sagte, es sei kaputt und dauerhaft verschlossen, um die Mieter vom gefährlichen Kriechkeller fernzuhalten.
Aber es war nicht kaputt. Dort unten hatte jemand gewohnt.
An die Polizei habe ich nicht gedacht. Ich habe nicht daran gedacht, dass ich bis auf eine schwere Stahltaschenlampe und einen Rettungshund völlig unbewaffnet war.
Ich drehte mich um und rannte aus dem Schlafzimmer, wobei meine nackten Füße heftig auf den Hartholzboden klatschten. Buster war mir dicht auf den Fersen, sein tiefes Knurren grollte wie ein Motor durch den ruhigen Flur.
Wir erreichten das obere Ende der Treppe und flogen sie hinunter, wobei wir jeweils zwei Stufen auf einmal nahmen. Das Haus war stockfinster, bis auf den wilden, schwingenden Strahl meiner Taschenlampe, der die Dunkelheit durchschnitt.
Ich erreichte den ersten Stock und rannte in Richtung Küche. Versteckt in der dunkelsten Ecke der Speisekammer befand sich die schmale, unscheinbare Tür, die in den Keller führte.
Ich packte den Messingknauf und drehte ihn mit aller Kraft. Es war entsperrt.
Ich trat die Tür auf, die alten Angeln schrien vor Protest. Eine Welle kalter, feuchter Luft schlug mir ins Gesicht und roch intensiv nach Schimmel, Kupfer und alter Erde.
Am Fuß der steilen Holztreppe, beleuchtet von meinem zitternden Licht, befand sich eine schwere Sicherheitstür aus Stahl. Daneben leuchtete eine kleine digitale Tastatur in einem schwachen, kränklichen grünen Licht.
Buster schob sich an meinen Beinen vorbei und stieß ein bösartiges Knurren aus, als er in die unterirdische Dunkelheit blickte.
Ich stieg die Treppe hinunter, meine Hand umklammerte die schwere Taschenlampe wie eine Keule. Mein Finger schwebte über den leuchtend grünen Knöpfen und zitterte heftig.
7-4-1-1.
Ich tippte die Zahlen ein. Die Tastatur piepste mit einem hohen Ton, und ein schweres Magnetschloss öffnete sich mit einem lauten, widerhallenden Klackern.
Ich stieß die schwere Stahltür auf und richtete meine Taschenlampe in den höhlenartigen Keller.
Der Strahl glitt über den Lehmboden und beleuchtete verrostete Rohre, dicke Spinnweben und ein einfaches, provisorisches Feldbett, das an der gegenüberliegenden Wand stand. Dann fing das Licht etwas in der Mitte des Raumes ein, das mir das Herz zum Stillstand brachte.
Leos ausgestopfter Bär saß vollkommen aufrecht auf einem Holzstuhl, umgeben von einem Dutzend verrotteter Hundehalsbänder aus Leder.
Kapitel 4: Der Hund und der Jäger
Der Strahl meiner schweren Stahltaschenlampe zitterte wild und warf lange, groteske Schatten, die über den unebenen Erdboden tanzten. Die verrottenden Hundehalsbänder aus Leder bildeten einen groben, makabren Kreis um Leos Stoffbären, wie ein verdrehter Schrein.
Der Geruch von Schimmel und feuchter Erde wurde vom scharfen, metallischen Gestank von getrocknetem Blut und altem Schweiß völlig übertönt.
Das ist nicht nur eine Entführung, erkannte ich, sondern eine neue Welle von Übelkeit, die drohte, mich in die Knie zu zwingen. Es ist eine Sammlung.
Buster schob sich an meinen Beinen vorbei, aber sein Körper vibrierte nicht mehr vor dem hilflosen Entsetzen, das er oben zeigte. Stattdessen breitete er seine Pfoten aus, und ein tiefes, erderschütterndes Knurren vibrierte in seiner breiten Brust.
Seine Ohren waren nicht mehr angelegt. Sie waren wachsam. Er hatte keine Angst; er war absolut wütend.
„Guter Junge, Buster“, hallte ein leises, feuchtes Lachen aus der dunkelsten Ecke des höhlenartigen Kellers.
Die Stimme war das gleiche heisere Flüstern aus dem Walkie-Talkie oben, das von einer verdrehten, widerlichen Zuneigung triefte.
„Ich wusste, dass du irgendwann nach Hause zurückkehren würdest. Du warst immer mein bester Fährtenleser.“
Die Teile des Albtraums fügten sich in meinem Kopf mit blendender Klarheit zusammen. Busters Mitternachtsangst. Das Wimmern um 3:11 Uhr. Er reagierte nicht nur auf Leos Verschwinden; er reagierte auf einen Duft, den er nur zu gut kannte.
Das Monster, das sich in meinen Wänden versteckte, war Busters früherer missbräuchlicher Besitzer.
Eine große, hagere Gestalt trat langsam in den Rand meines Taschenlampenstrahls. Er war mit Ruß und Trockenbaustaub bedeckt, seine eingefallenen Augen waren im grellen Licht weit aufgerissen und manisch.
In einer Hand hielt er ein verrostetes Eisenbrecheisen. Auf der anderen Seite hielten seine knochigen Finger wie ein Schraubstock eine kleine, zitternde Schulter fest.
“Mama?” Eine leise, heisere Stimme ertönte aus der Dunkelheit.
“Löwe!” Ich schrie, ließ die Taschenlampe fallen und stürzte mich nach vorne.
„Ah, ah, ah“, schrie der Mann, riss meinen Sohn heftig in den Schatten zurück und hob die schwere Brechstange. „Buster sollte dich zu mir bringen. Aber du hast das Spiel ruiniert, indem du die Wände eingerissen hast wie ein Tier.“
Er lächelte, ein zackiger, schrecklicher Ausdruck, der seine toten Augen nicht erreichte. Er dachte, er hätte die totale Kontrolle.
Aber er verstand den Hund, mit dem er es zu tun hatte, nicht. Buster war kein gebrochenes, misshandeltes Tier mehr. Er war Teil unseres Rudels.
Bevor der Mann die Eisenstange schwingen konnte, stürzte sich Buster durch die kalte Kellerluft.
70 Pfund purer, ungezügelter Muskelkraft trafen den hageren Eindringling mitten in die Brust. Der Mann schrie geschockt auf, als Busters Kiefer unerbittlich seinen Unterarm umklammerten.
Das eiserne Brecheisen klapperte nutzlos auf dem Lehmboden.
Ich habe keine Sekunde gezögert. Ich rannte in die Dunkelheit, packte Leo an seinem schmutzigen Pyjamahemd und riss ihn heftig hinter meinen Körper, um ihn zu schützen.
Der Mann schlug um sich, trat wild nach dem Hund und griff mit seiner freien Hand blind nach meiner Kehle.
Ich hob die schwere Metalltaschenlampe aus dem Dreck auf. Mit einem Urschrei, von dem ich nicht wusste, dass ich dazu fähig wäre, schwang ich den Stahlzylinder mit allem, was mir noch übrig war.
Das schwere Metall traf mit einem ekelerregenden Knacken auf die Seite des Schädels des Mannes.
Er brach augenblicklich völlig regungslos in einem Haufen Dreck und verrottenden Lederhalsbändern zusammen. Buster stand mit gefletschten Zähnen über seinem bewusstlosen Körper, knurrte immer noch und weigerte sich, nachzugeben.
Der grelle Glanz blinkender roter und blauer Lichter beleuchtete unseren Vorgarten und durchdrang den dichten Nebel des frühen Morgens.
Ich saß auf der Stoßstange eines Krankenwagens, fest eingewickelt in eine silberne Schockdecke. Leo lag zusammengerollt auf meinem Schoß, sein kleines Gesicht in meinem Nacken vergraben, und atmete leise, während die Sanitäter seine Vitalwerte überprüften.
Die Detectives, die mich zuvor mit so kaum verhohlenem Misstrauen angeschaut hatten, liefen nun in der Einfahrt auf und ab und wichen aus purer Schuld bewusst meinem Blick aus.
Sie hatten die Umgehungskabel der Tastatur, die gestohlenen Kameraverschlüsse und ein schreckliches, jahrzehntealtes Hauptbuch gefunden, das im provisorischen Kellerbett des Mannes versteckt war.
Schließlich näherte sich der Polizeichef, nahm seinen Hut ab und seufzte schwer.
„Er benutzte den verlassenen Wäscheschacht, um sich lautlos durch die Wände zu bewegen“, erklärte der Häuptling mit gedämpfter Stimme. „Er hat Ihr Haus ins Visier genommen, um seinen Hund zurückzubekommen. Aber als er Ihren Jungen sah … fand sein verdrehter Verstand einen neuen Gewinn.“
3:11 Uhr.
Die Ermittler fanden heraus, dass es sich um den genauen Zeitstempel handelte, den der Mann vor seiner Verhaftung vor Jahren für seine „Trainingseinheiten“ in seinem alten Keller verwendet hatte. Er war ein Geschöpf kranker, starrer Gewohnheiten.
Er hatte die Verzweiflung einer Mutter nicht berücksichtigt. Und er hatte sicherlich nicht die Loyalität eines Rettungshundes berücksichtigt.
Ich schaute auf Buster herab. Er saß ruhig neben dem Krankenwagen und legte seinen schweren, vernarbten Kopf auf mein Knie.
Ich griff nach unten und vergrub mein Gesicht in seinem dicken, rauen Fell, während Tränen überwältigender Erleichterung auf seine Stirn liefen. Er jammerte leise und leckte den trockenen Gipsstaub von meiner Wange, während sein Schwanz rhythmisch gegen die Metallstoßstange schlug.
Im Haus war es wieder ruhig, aber die erdrückende Last war endlich verschwunden.
Die Albträume waren vorbei. Wir hatten uns gegenseitig gerettet.
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